Geschichte

Das Kapitel stellt eine historische Übersicht der Entwicklung endoskopischer Techniken von den frühen Anfängen bis in die Gegenwart dar.

Der Wunsch der Ärzte, menschliche Körperhöhlen oder -gänge zu besichtigen um Erkrankungen zu erkennen und zu behandeln, ist schon sehr alt. Leicht zugängliche Körperhöhlen wie der Mund , das Rektum (lat. rectum = Mastdarm) oder auch die weibliche Scheide wurden schon in der Antike mit Hilfe von Spekula (lat. Speculum = Spiegel) besichtigt.

Berichte über Katheter und Mastdarmspiegel sind von Hippokrates II., "der Große" bekannt. Der auf der Insel Kos geborene Grieche, bekannt durch den hippokratischen Eid, führte mit einem Faden versehene Tampons mit Hilfe einer ausgehöhlten Kalabasse in die weibliche Scheide ein. Die Griechen wagten es allerdings nicht, das Spekulum für die Besichtigung des Mastdarmes auch zur Inspektion der Scheide zu benutzen.
Die ersten anatomisch richtig gekrümmten Katheter sind von Erasistos, auf Keos 320 v. C. geboren, überliefert. Oreibasis, in Pergamon um 325 n. C. geboren, erfand zur Zeit Julius Caesars in Rom den Dauerkatheter. Er erweitert die Harnröhre mit einem Gänsekiel, der von aufquellendem Pergament umwickelt ist.
Der Ursprung der Endoskopie läßt sich zurückführen auf eine Erwähnung im babylonischen Talmud. Diese Abhandlung beschreibt einen Bleitrichter mit gebogenen Mundstück, ausgestattet mit einem hölzernen Abfluß (Mechul). Dieser wurde in die Scheide eingeführt und erstmals eine direkte Inspektion eines inneren Organes - der Zervix- erlaubte.
In Pompeji wurde ein dreiarmiger Vaginalspiegel und ein Mastdarmspekulum ausgegraben. Der syrische Frauenarzt Archigenes von Apameia praktizierte von 95-117 n. C. in Rom und schrieb Abhandlungen über die Blutungen der Gebärmutter. Er benutzte zur Inspektion einen Muttermundspiegel und erläuterte die verschiedenen Formen der gynäkologischen Tastuntersuchung und der äußeren und inneren Inspektion.
Der Araber Abul-Qasim Khalaf Ibn Abbas Al Zahrawi, genannt Alsaha-Ravius oder Albucasis von Cordoba (936-1009), der größte Chirurg des Mittelalters, reflektierte als Erster über einen vor der Vagina befindlichen Glasspiegel Licht in die weibliche Scheide um das Innere zu betrachten. Sein Speculum beschreibt er als "2 aufeinander gelegte Stäbe, die in den Muttermund (gemeint ist wohl die Scheide) eingeführt werden, um ihn mit Hilfe von Schrauben auszuweiten".
Der islamische Arzt Avicenna Abu Ali Al-Husain Ibn Abdallah Ibn Sina (980 - 1037), bei Buchara geboren, beschreibt im „Canon medizinae“ wie er bei Untersuchungen mit dem Speculum einen Spiegel vor die Vulva legt und sich hinter die Frau stellt, um das Spiegelbild betrachten zu können.
Die erste endoskopische Lichtquelle geht auf Gulio Cesare Aranzi (1530 - 1589) zurück. Der Venezianer verwendete die camera obscura zur Besichtigung der Nasenhöhle (1587), indem er den Lichtstrahl bündelte. Dazu hielt er in einem abgedunkelten Raum eine wassergefüllte Kugelflasche aus Glas vor ein Loch im Fensterladen und projizierte das nun gebündelte Licht in die Nasenhöhle. Für regnerische Tagen empfahl er eine künstliche Lichtquelle.
In Tumores Praeter Naturam (Venice 1587) beschreibt Aranzi die medizinische Verwendung der camera obscura, die durch den Benediktinermönch Don Panuce entwickelt wurde. Leonardo da Vinci erwähnte eine camera obscura im Jahre 1519, erstmalig beschrieben wurde diese von Porta in Magica naturalis (1589).


Dem Scheidenspekulum, über einen Zeitraum von Jahrhunderten entwickelt, wurde durch den Pariser Gynäkologen und Chirurg Roland- Paul Arnaud (1651 - 1723) (Mémoires Gynécologiques, 1768) eine neue Bedeutung gegeben. Arnaud war der Erste, der die endoskopische Untersuchungslampe nutzte, indem er eine abgeschirmte Laterne benutzte. Hierbei wird ein Wachslicht als Lichtquelle mit einem geschlossenen, innen versilberten Kasten abgeschirmt. Ähnlich einer camera obscura fällt das durch eine Konvexlinse gebündelte Licht nach außen und kann somit die mittels Spekula entfaltete Scheide beleuchten.

Für die Entwicklung der modernen Endoskopie ist der Beitrag von Philipp Bozzini (25.05.1773 - 5.04.1809) unbedingt zu erwähnen. Bozzini studierte in Mainz und Jena, wo er auch den Herausgeber des "Journal der Praktischen Arzneikunde und Wundarzneikunst", Christoph Wilhelm Hufeland, kennen lernte. Bozzini veröffentlichte dort 1806 seinen ausführlichen Bericht über den Lichtleiter. Die erste Beschreibung seines Instrumentes publizierte Bozzini 1804 in einer kleinen Frankfurter Tageszeitung. Das Gerät besteht aus einem optischen Teil mit der Beleuchtungseinrichtung und einem mechanischen Teil, der sich der Anatomie der Körperöffnung anpasst. Ein Jahr später (1807) erschien beim Verlag der Landesindustriecompoirs Weimar die Monographie "Der Lichtleiter oder die Beschreibung einer einfachen Vorrichtung und ihrer Anwendung zur Erleuchtung innerer Höhlen und Zwischenräume des lebenden animalischen Körpers". Die Handzeichnungen dazu fertigte er selbst an und stach sie auch in Kupfer. Bozzini hatte es fertig gebracht, für die Vagina, das Rektum und die Mundhöhle einschließlich Rachen ein Instrument zu konstruieren, mit dem man sehen und auch in bescheidenem Rahmen operieren konnte.

Wenn auch die Lichtquelle des Lichtleiters viel zu schwach und das Sichtfeld sehr klein waren, so basierten doch alle weiteren zystoskopischen Versuche der nächsten 70 Jahre ausschließlich auf Bozzinis Beleuchtungsprinzip der extrakorporalen eingespiegelten Lichtquelle. Sein Prinzip mit künstlicher Lichtquelle, Lichteinspiegelung auf das zu untersuchende Objekt sowie Lichtleitung und Reflektionsleitung für getrennte Lichtein- und Rückstrahlung zum beobachtenden Auge hat die internationale Diskussion um die Entwicklung von Endoskopen wesentlich beeinflusst.
Die Entwicklung der Endoskopie fand ihren Höhepunkt in der ersten praktischen Endoskopie durch den französischen Chirurg Antoine Jean Desormeaux in Paris.
Für das endoskopische Modell (eingereicht bei der Académie Impériale de Médecine am 29.November 1865) wurde Desormeaux für den Argenteuil Preis vorgeschlagen.

Desormeaux war der Erste, der den Lichtleiter von Bozzini bei Patienten einsetzte. Für viele gilt er daher als der "Vater der Endoskopie". Seine Instrumente bestanden aus einem System von Spiegeln und Linsen mit einer offenen Flamme als Lichtquelle.
Die häufigste Komplikation bestand in Verbrennungen der Haut. Der Lichtleiter wurde im wesentlichen bei Patienten mit urologischen Erkrankungen eingesetzt.
Maximilian Nitze (1848-1906) modifizierte Edisons Glühbirne und schaffte 1876 das erste optische Endoskop mit einer integrierten Lichtquelle zur Beleuchtung von Körperhöhlen. Ähnlich Bozzinis Lichtleiter wurde dieses Instrument ausschließlich bei urologischen Eingriffen eingesetzt.
Johann Mikulicz (1850-1905) und Leiter übernahmen 1881 das Prinzip eines starren optischen Systems von May Nitze und konstruierten erfolgreich das erste klinisch einsetzbare Gastroskop. Mikulicz führte viele Untersuchungen an Patienten der Billrothschen Chirurgischen Klinik in Wien durch.

Der Dresdner Georg Kelling (1866-1945) prägte den Begriff der "Coeliskopie" um eine Technik zu beschreiben, bei der ein Zystoskop zum Betrachten des Inneren in die Körperhöhle beim Hund eingebracht wurde.


Hans Christian Jacobaeus (1879-1937) aus Stockholm führte Ende 1910, Anfang 1911 den Begriff „Laparothorakoskopie“ bei der erstmaligen endoskopischen Besichtigung von Brustkorb und Bauchraum ein. Er berichtete darüber in seiner Veröffentlichung in der "Münchner Medizinischen Wochenzeitschrift". Bereits 1913 führte er thorakoskopische Eingriffe durch und gilt daher als der Begründer thorakoskopischer Operationen. Der Internist Jacobaeus empfahl diese Technik auch zum endoskopischen Betrachten anderer Körperhöhlen. Im Gegensatz zu Kelling führte er die Trokare direkt, also ohne Anlegen eines Pneumoperitoneums, ein und begann ebenfalls Verwachsungen unter thorakoskopischer Sicht zu beseitigen.


Die laparoskopische Chirurgie wurde 1911 in den USA von Bertram Moses Bernheim (15.02.1880-28.11.1958), einem chirurgischen Assistenten am Johns Hopkins Hospital und Mitbegründer des American College of Surgeons, eingeführt.
Er nannte das Vorgehen „Organoskopie“. Sein Instrument bestand aus einem Proktoskop von einem Durchmesser von einem halben Inch und einer einfachen Beleuchtung. Ausserdem verzichtete er auch auf das Anlegen eines Pneumoperitoneums und führte seine Instrumente nicht über einen Trokar, sondern über Minischnitte ("small incisions") ein. In seinem Artikel "Organoscopy. Cystoscopy of the Abdominal Cavity", der 1911 in "Annals of Surgery" erschien, räumte Bernheim der Laparoskopie von Jacobeus viel Platz ein. Bernheim bespricht auch die Technik des Eingriffes und stellt die Ergebnisse der Untersuchungen vor, die Jacobaeus beschrieb. Unmittelbar danach fügt er hinzu, daß er den gleichen Versuch bereits im April 1910 mit Hilfe von Tierexperimenten angewandt hatte. Ein weiterer interessanter Vorschlag betraf die Anwendung der Bauchspiegelung statt Probelaparotomie bei Patienten mit Metastasen. Allerdings hatte dieses Problem Jacobaeus schon im seinem ersten Artikel im Jahre 1910 erwähnt.

Ein Tag nach dem Kriegsende, am 12. November 1918, erschien in der Münchener Medizinischen Wochenschrift eine Abhandlung über die Röntgendiagnostik der Bauchhöhle. Der Autor, Dr. Otto Goetze, ein Assistent der Chirurgischen Universitätsklinik zu Halle a. S. unter der Leitung von Prof. Dr. Victor Schmieden, befasste sich mit radiologischen Problemen und nutzte als Kontrastmittel Sauerstoff. Um das Pneumoperitoneum gefahrlos anlegen zu können, schuf Goetze eine automatische Nadel "nach dem Prinzip des festen Verdrängens". Die Nadel bestand aus zwei Kanülen: die äußere Kanüle war scharf und kürzer als die innere, stumpfe. "Eine an der äußeren Kanüle angebrachte Spiralfeder hält die innere Kanüle in einer solchen Lage, dass ihr stumpfes Ende ca. 2 cm die scharfe Spitze der äußeren überragt. Beim Aufsetzen und Durchstoßen der äußeren Kanüle durch die Bauchdecken wird die innere Kanüle in die äußere zurückgepresst, wodurch die Feder sich spannt und im Augenblick der Überwindung des Peritoneum parietale entfesselt und vorgeschnellt."
Diese Entwicklung, die heute fast in Vergessenheit geraten ist, wurde später von Veres "wiederentdeckt" und modifiziert.


Kurz nachdem Otto Steiner aus Atlanta seine Erfahrungen über die Abdominoskopie in der "Schweizerischen Medizinischen Wochenschrift" veröffentlicht hatte, wurde 1924 in derselben Zeitschrift noch ein Aufsatz über die Bauchspiegelung publiziert. Der Autor war diesmal ein einheimischer Arzt, Richard Zollikofer aus dem Kantonsspital St. Gallen.


"Als Gas zur Blähung des Abdomens wird am besten Kohlensäure verwendet: Stickstoff und atmosphärische Luft haben den Nachteil, sich viel langsamer zu resorbieren... ." Zollikofer nutzte "eine einfache Apparatur zur Laparoskopie, inbegriffen die Entleerung von Aszitesflüssigkeiten und die Einführung von Gas in den Peritonealraum", die von Bott und Walla aus München geliefert wurden.

Der amerikanische Internist John C. Ruddock beschrieb 1934 die Laparoskopie als eine gute diagnostische Methode, die er der Laparotomie vorzog. Sein Instrument bestand aus einer integrierten Zange mit der Möglichkeit der Elektrokoagulation.

Im Jahr 1938 entwickelte der Ungar János Veres eine spezielle Kanüle mit Federmechanismus mit dem Ziel, einen Pneumothorax anzulegen und somit die damals weit verbreitete Tuberkulose zu behandeln. Die Veres-Nadel ist heute mit geringen Modifikationen immer noch das Instrument, um ein Pneumoperitoneum für eine Laparoskopie anzulegen. Die Veres-Nadel verhindert durch ihren Mechanismus eine Verletzung innerer Organe, wenn sie durch die Bauchdecke eingebracht wird.

Der Berliner Gastroenterologe Heinz Kalk (1895-1973), bekannt als der Begründer der Deutschen Schule für Laparoskopie, entwickelte ein 135 ° - Linsensystem und einen Doppeltrokar. Die Laparoskopie wurde von ihm als diagnostische Methode bei Erkrankungen der Leber und Gallenblase eingesetzt. Bei der Veröffentlichung seiner Erfahrungen im Jahr 1939, berichtete er über 2000 Leberpunktionen unter örtlicher Betäubung, bei denen kein Todesfall zu verzeichnen war. Verwachsungen wurden von ihm ebenfalls schon per laparoskopiam gelöst.